Chavaladas

Leon,Nicaragua

Mein Freiwilligendienst neigt sich nun dem Ende zu.
6 Monate habe ich in Leon, Nicaragua verbracht. Der längste Auslandsaufenthalt meines bisherigen Lebens. Und irgendwie ist das Land auch ein bisschen zu meinem Zuhause geworden. Es wird ein ganz komisches Gefühl sein, wenn in Göttingen die Busse nicht mehr gelb sind und das Mitführen von Hühnern in öffentlichen Verkehrsmitteln einem derart erschwert wird.

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Insgesamt hatte ich eine sehr schöne, aber auch sehr ansträngende Zeit, die mich persönlich weiter gebracht hat. Ich habe unglaublich viele verschiedene Menschen kennen gelernt und Freundschaften fürs Leben geschlossen. Das hat mich glaube ich am meisten beeindruckt und geprägt. Es ist unglaublich spannend Menschen mit derart verschiedenen Lebensgeschichten kennen zu lernen. Ich habe eine Sprache mehr oder weniger vor Ort gelernt und bin von einem reltiv hohen Sauberkeitsniveau dazu übergegengen, zufrieden zu sein, wenn die Kakerlaken nicht im Kühlschrank leben und die Ratten und Mäuse die meiste Zeit in der Decke verbringen.

In den ersten Wochen hatte ich große Verständigungsprobleme und besuchte einen Spanischkurs um festzustellen, dass das Nicaspanisch ganz anders funktioniert, als das bisschen Spanisch, dass ich in meinen VHS Kursen gelernt hatte.

Nicaragua an sich ist sehr schön, nur viel zu heiß. In meiner Zeit hier bin ich viel, vorallem an den Wochenenden gereist. Reisen ist günstig, weil man anders, als in anderen zentralamerikanischen Ländern ohne Bedenken die öffentlichen Busse nutzen kann und Hostels günstig sind.

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Dennoch haben viele meiner Bekannten während ihres Aufenthaltes unangenehme Erfahrungen gemacht. Viele wurde ausgeraubt und dazu teilweise auch mit Waffen bedroht. Ich selbst hatte Glück. In der Regel gibt es aber keine Probleme, gibt man dann einfach seine Sachen her. Leider kann man es sich sparen zur Polizei zugehen, nachdem man Opfer einer Straftat geworden ist. Die arbeitet nämmlich nicht. Die einzige Möglichkeit ist wohl es so zu machen, wie es mein Mitbewohner tut und den Polizeichef einmal monatlich zusammen mit dessen Freundin in den hauseigenen Pool einzuladen und ihm 70 Dollar zuschenken. Darauf hatte ich allerdings weniger Lust. Das einzige was einem dann bleibt ist aufpassen.

Gearbeitet habe ich bei Chavaladas in Leon. Einem Projekt, dass sich die Beteuung von Straßenkindern und die vorbeugende Betreuung von Kindern aus schwierigen Familien zu Aufgabe gemacht hat. Allerdings handelt es sich dabei nur um Jungen. Die Kinder sind mir mit der Zeit sehr ans Herz gewachsen und ich halte den Beitrag den die Assoziation Ninos del Fortin leistet für wichtig.

Ich bin in einem, wenn nicht dem am besten organisierten Projekt in Leon gelandet und hatte dennoch Schwierigkeiten, mich an die vorherschende Ineffizienz zu gewöhnen. Auch lässt mich mein Aufenthalt die Chancen und Risiken von Freiwilligenartbeit, aber auch teilweise von Entwicklungshilfe im Gesamten, ein bisschen besser einschätzen.

Im Nachhinein, hätte ich mich vermutlich nicht für ein freiwilliges Jahr nach dem Abitur entschieden. Es ist aus meiner Sicht schlicht nicht sinnvoll Menschen, ohne Berufsausbildung in ein Land des globalen Sündes zu schicken, in der Erwartung dort zumindest bis zu einem gewissen Grad sinnvolle Arbeit leisten zu können. Den Eindruck habe ich zumindest bei meiner Arbeit gewonnen und er wurde mir auch im Austausch mit andern Freiwilligen bestätigt.

Viel mehr habe ich den Eindruck, dass Freiwilligendienste wie der Internationale Jugendfreiwilligendienst oder Weltwärts dazu diehnen junge Erwachsene auf einen globalisierten Arbeitsmarkt vorzubereiten. Problematisch ist das nur dann, wenn wie bei Weltwärts die Gelder für die Finanzierung der Freiwilligen aus dem Budget des Ministeriums für Entwicklungshilfe entwendet werden. Einen großen Vorteil für die Freiwilligen und auch die Menschen mit denen sie zu tun haben bringt der kulturelle Austausch, der mit dem Dienst einhergeht.

Während ich über meine Möglichkeiten zu nützlicher Arbeit am Anfang ein bisschen frustriert war, gerade, weil auf den Vorbereitungsseminaren ein anderes Bild gemalt wurde, habe ich in der zweiten Hälfte versucht meine kleinen Beiträge zu sehen und das im Land vorherschende Elend und die Ungleichheit hinzunehmen. Letzteres ist mir nicht gerade leicht gefallen. Es ist doch noch mal eine ganz andere Sache, sich über die aus den bestehenden Wirtschaftsbeziehungen und Macht(ungleicheits)vehältnissen resultierende Armut bewusst zu sein, als dann Menschen kennenzulernen, die tatsächlich durch ihre Unterpreviliegertheit leiden und denen gesellschaftliche Teilhabe verwehrt bleibt. Etwas, was mich wirklich überrscht hat, was vermutlich aus meiner kindlichen Mittelschichtsnaivität resultierte, war, dass die Menschen, die so aufwachsen eben nicht abgehärteter sind, sondern durch ihre Lebensverhältnisse ernstzunehmende psychische Erkrankungen erleiden. Noch nie habe so viele Gleichaltrige, die noch nicht zur Unterschicht gezählt werden, getroffen, die zu Drogen, wie Crack oder Kokain greifen und eigentlich eine psychologische Behandlung bräuchten, weil sie seit Jahren mit Depressionen zu kämpfen haben.
An sich eine logische Konsequenz. Auch der spürbare Wunsch ganzer Schichten auszuwandern, lässt mir meine Priviligiertheit als surrealer erscheinen. Seit mehreren Wochen versuche ich Freunden dabei zu helfen eine Möglichkeit zu finden, das Land in Richtung Europa zu verlassen und obwohl es sich um Studenten handelt, erscheint es mir immer mehr als ein hoffnungsloses Unterfangen.
Für mich bekommt die Aussage, nicht alle könnten nach Europa und es sei erforderlich vor Ort eine Verbesserung der Lebensumstände zu bewirken, einen immer bitteren Beigeschmack. Natürlich ist das richtig und es sollte der Fokus auf der Verbesserung der Lebensbedingungen liegen, dennoch ist eine solche Aussage nur derart leichtfertig zu treffen, wenn man keine Verwandten hat, die im Jahre 2014 gestorben sind, während Juan Orlando Hernandez die Mittel des hondurendischen Gesundheitssysthems für seine Wahlkampagne nutzte. Unter Umständen wäre es interessant, würden mehr NGOs in einem von einem dikatorischen Regime zugelassenen Rahmen, Workshops zu Menschenrechten, Selbstwerschätzung und Geleichberechtigung, anbieten. Das wäre aus meiner Sicht ein entscheidender Beitrag zur Emanzipazion einer ganzen Generation.

featured image hab ich im Internet gefunden “Ometepe”

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